Warum ist Wuppertal noch keine Schwarmstadt?

Das Zeug dazu hat Wuppertal, meint Fritz Berger, Geschäftsführer des Hochschul-Sozialwerks Wuppertal.

In seinem Gastbeitrag für „blickfeld – die Campus Zeitung für Wuppertal“ fordert er aber u.a. eine stärkere

„Willkommenskultur für Studierende“.

 

Ein Artikel von blickfeld - Die CampusZeitung für Wuppertal:

 

Die fünf neuen Studentenwohnheime des Hochschul-Sozialwerks Wuppertal an der Max-Horkheimer-Str. 160 – 168 wurden kürzlich vom Bund Deutscher Architekten mit dem Architekturpreis Wuppertal 2020 ausgezeichnet. Der alle drei Jahre vergebene Preis ist nur eine lokale Auszeichnung und insgesamt bereits die elfte für unsere Wohnheime. Gefreut habe ich mich darüber trotzdem – auch wegen der „Nachbarschaft“ zum zweiten Preisträger, dem ambitioniert transformierten „Gaskessel Heckinghausen“, denkmalgeschütztes Wahrzeichens eines Stadtteils, das nicht auf Rosen gebettet ist. Die Realisierung dieser Projekte war nicht einfach. Im Ergebnis sind beide kleine, aber positive Mosaiksteinchen auf dem Weg zur Weiterentwicklung der Stadt – der Universitätsstadt Wuppertal.

Die neueste Wohnheime des Hochschul-Sozialwerks

Womit ich schon fast beim Thema wäre: Warum ist Wuppertal eigentlich noch keine Schwarmstadt?

Schwarmstadt? So nennt man eine Stadt, wenn ihr Image in besonderer Weise junge Leute anzieht – wie Vögel, die aus anderen Regionen aufsteigen und als Schwarm in die gleiche Richtung fliegen. Leipzig, Frankfurt, Heidelberg, Darmstadt und natürlich allen voran: München – das sind Städte, die junge Leute wie einen Schwarm anziehen. Dabei geht es gar nicht mal um die maximale Anzahl der Bioläden, Szenekneipen oder Yogastudios. Schwarmstädte zeichnen sich aus durch hohe Lebendigkeit, Vielfalt und wachsende Urbanität, während anderswo Leerstand droht und es tendenziell bergab geht. Auch Hochschulen können ein Schwarm-Faktor sein. Und ebenso: wenn man in einer Stadt als junger Mensch etwas bewegen kann, wenn es „Spielräume“ gibt, also Gestaltungsmöglichkeiten.

Wuppertal ist noch nicht einmal unter den TOP 30. Warum eigentlich nicht?

Vorab kann man sich natürlich fragen, ob solche Rankings überhaupt generelle Aussagekraft haben. Auch im letzten Städtetest von „Wirtschaftswoche“, ImmobilienScout24 und IW Consult schneidet Wuppertal nicht gut ab. Die Stadt landet auf Platz 52 von 71. Das Bild ist aber nicht einheitlich. Denn in der Bewertung der Entwicklung der vergangenen fünf Jahre (Dynamikranking, Platz 33, +13) sowie der Zukunftsfähigkeit (Zukunftsindex, Platz 43, +7) kommt Wuppertal gut weg.

Nur Rang 63, damit einen der ganz hinteren Plätze, belegt Wuppertal laut Wirtschaftswoche bei den Mietpreisen. Die Höhe der Mieten, das ist ein gutes Beispiel, dass es bei manchen Kriterien ganz auf den Blickwinkel ankommt: Was Vermieter höchst bedauerlich finden, darüber können sich die Mieter richtig freuen – darunter natürlich auch die Studierenden, die jedes Semester auf Wohnungssuche gehen.

Vielleicht hat das sogar dazu beigetragen, dass die Zahl der Studierenden in Wuppertal in den letzten 10 Jahren deutlich überproportional, um fast 50 Prozent, angestiegen ist. Als wichtigste Gründe für die Wahl des Hochschulortes ermittelte das Centrum für Hochschul-Entwicklung (CHE): die Atmosphäre am Hochschulort, moderate Lebenshaltungskosten und auch sonst günstige Lebensbedingungen. Eigentlich alles nur „Soft Skills“, aber offenbar gerne und häufig unterschätzt.

Zurück zur „Schwarmstadt“. Die Studierendenzahlen in Wuppertal sind oberhalb des Landestrends gestiegen, trotzdem landet Wuppertal bei den jungen Trendsuchern abgeschlagen auf einem hinteren Platz. Dabei gibt’s doch die Schwebebahn, die Historische Stadthalle, das Luisenviertel, Nordbahntrasse und Nordstadtkiez, den Skulpturenpark, Pina Bausch und die alternative Kulturszene. Vielleicht ist die positive Qualitätsentwicklung der Bergischen Universität in der letzten Dekade noch nicht tief genug ins Bewusstsein der Jugend in den deutschen Provinzen eingedrungen. Das kann natürlich sein, das braucht Zeit.

 

Historischen Stadthalle am Johannisberg in Wuppertal-Elberfeld © vk

Aber: was war noch einmal besonders wichtig für die Wahl des Hochschulortes? Richtig: die Atmosphäre am Hochschulort, moderate Lebenshaltungskosten und auch sonst günstige Lebensbedingungen. An „Moderate Lebenshaltungskosten“ hatten wir – s.o. günstige Mieten – schon einen Haken gemacht. Wie steht es mit der Atmosphäre am Hochschulort? Wie sind ansonsten die Lebensbedingungen für junge Menschen in Wuppertal? Man riskiert nicht allzu viel, wenn man schmallippig feststellt: na ja, es geht so.

Bevor wir uns mögliche Gründe anschauen: warum sollte sich die Stadt darum überhaupt kümmern? Machen noch mehr Studierende nicht nur mehr Ärger? Nein, machen Sie in der Regel nicht. Im Gegenteil: Städte profitieren von den Studierenden – als Konsumenten für fast alle Dinge des täglichen Bedarfs und über die sogenannte Schlüsselzuweisungen des Landes, das allerdings nur, wenn Studierende hier ihren Erstwohnsitz anmelden. Als „Jobber“ können Studierende flexibel und kostengünstig manches Personalproblem lösen. Richtig interessant wird es, wenn es einer Stadt gelingt, die jungen Bachelor und Master auch nach dem Examen an die Stadt zu binden – durch gute Jobs und … richtig: eine gute Atmosphäre und günstige Lebensbedingungen.

Was macht eine „gute Atmosphäre“ aus? Da gibt es sicher viele Faktoren. Und manche davon sind sicher schon ganz okay. Aber was in Wuppertal noch erheblich steigerungsfähig ist, das ist eine klare und stringente Willkommenskultur.

Die zwischen 3000 und 4000 Erstsemester werden zwar seit Jahren von jedem Oberbürgermeister in der Unihalle begrüßt. Aber das war es dann auch schon. Moment, nicht ganz: Wer es wagt, sich nicht komplett als Erstbürger in dieser Stadt anzumelden, dem schickt die Stadt einen Steuerbescheid – über die Zweitwohnungssteuer. Andere Städte machen Begrüßungsgeschenke, die sich dank ihrer Schlüsselzuweisungen für Erstwohnsitzbürger in kürzester Zeit rentieren. Nur ganz wenige haben das nicht nötig: Freiburg zum Beispiel. Diese Stadt ist so attraktiv, sie ist ein Selbstläufer. Die Zweitwohnungssteuer in Wuppertal hingegen muss bürokratisch administriert werden, macht Ärger und unter dem Strich kostet sie mehr, als sie einbringt. Damit zeigt die Stadt noch nicht mit allen Poren und Facetten, dass sie Studierende in Wuppertal rundum willkommen heißt.

Seilbahn zur Uni? Fehlanzeige! Verbessertes Buskonzept als Ersatz? Auch noch Fehlanzeige!

Günstige Lebensbedingungen? Gefühlt ist das Glas vielleicht halb voll …. Seilbahn zur Uni? Fehlanzeige! Verbessertes Buskonzept als Ersatz? Auch noch Fehlanzeige! Sichere Fahrradwege? Da ist die Stadt im wahrsten Sinne des Wortes „auf dem Weg“. Auch die Uni selbst hat übrigens bis heute kein Fahrradkonzept …

Aber das wird zum Glück jetzt alles besser. Es gibt ja das neue „Zukunftsprogramm“, das Oberbürgermeister Uwe Schneidewind unter dem Titel „#Fokus_Wuppertal“ vorgelegt hat. Das Profil der Stadt soll in acht wichtigen Feldern geschärft und die Stärken Wuppertals nach innen und außen sichtbar gemacht werden. „Fokus-Themen“ sind die Optimierung zentraler Verwaltungsprozesse, die Attraktivität Wuppertals für Investoren, innovative Formen der Beteiligung, neue Kommunikationsformen, Flächenpolitik, Klimastrategie, Innenstadtentwicklung und die diskriminierungsfreie Stadt.

Alles gut, alles wichtig, keine Frage. Das Wort „Studierende“ allerdings, das sucht man im gesamten „Zukunftsprogramm“ vergebens. Ob Wuppertal so Schwarmstadt für junge Bürger und Studierende wird???

 

Ein Artikel von blickfeld - Die CampusZeitung für Wuppertal.